Anregungen des Grundschulverbands

16. Mär 2020

Grundschuleltern haben Fragen zum Lernen zu Hause.

Schulausfall wegen Corona

Was kann Eltern für das Lernen ihres Kindes zu Hause empfohlen werden?
Ideal wäre, wenn sich das heimische Lernen auf das konzentrieren könnte, was in der Regel
meist zu kurz kommt.

Ganz vorne an steht das Lesen: Abhängig von der Lesestufe, in der sich ein Kind befindet,
kann das Aktivitäten vom Vorlesen bis zum eigenständigen Lesen, über Partnerlesen und
gegenseitiges Vorlesen umfassen. Vor allem sollte ein Lesestoff gewählt werden, der die
Interessen des Kindes trifft (Bilderbuch, Sachbuch, Abenteuergeschichten usw.). Und: Es ist
sinnvoll, sich mit dem Kind über das Gelesene auszutauschen, über mögliche Fortführungen
oder alternative Lösungsmöglichkeiten zu diskutieren.
Aufgaben und Spiele zum Kopfrechnen: Plus und Minus im Zahlenraum bis 20, 100, 1000,
sowie kleines Einmaleins und das konzentriert 10 bis 15 Minuten pro Tag. Hierbei könnten
und sollten auch die Kinder den Geschwistern oder Erwachsenen Aufgaben stellen.
Gesellschaftsspiele: Geübt werden Regelverhalten, soziale Fähigkeiten,
Problemlöseverhalten, Strategieentwicklung, Ausdauer und Konzentration. Auch selbst
ausgedachte Rollenspiele, sich verkleiden, Theater spielen macht nicht nur Spaß, sondern
fördert soziale und sprachliche Fähigkeiten.
Knobelaufgaben aus unterschiedlichen Sachbereichen stärken das logische Denken, regen zu
gemeinsamen Gesprächen über Lösungswege an und machen meist der ganzen Familie
Spaß.
Bauen und Konstruieren (z. B. auch nach Bauanleitungen) mit Lego, Holzbausteinen und
anderen Materialien, die zu Hause vorhanden sind, schulen technisches Verständnis,
räumliches Vorstellungsvermögen, Handgeschicklichkeit, Feinmotorik, Wahrnehmung,
Ausdauer, Geduld u.v.m. Zu gelungenen Bauwerken schreiben viele Kinder auch gerne die
Bauanleitungen für andere auf.
Kreative Aufgaben und Künstlerisches wie Malen, Falten, Kneten u.a., wiederum abhängig
vom Alter des Kindes, regen die Beobachtungsfähigkeit durch das Analysieren von Vorlagen
(also die Wahrnehmung) an, stärken das Selbstbewusstsein durch konkrete Ergebnisse und
verführen zum ausdauernden Verweilen, da es nicht um starre Übungsaufgaben geht. Der
Fokus liegt dabei auf Erfahrungen in Bereichen, die der Grundschulverband mit „allseitiger
Bildung“ umschreibt. Ein Lied einstudieren, ein Gedicht lernen, eine szenische Darstellung
einüben für und mit den Eltern vermittelt emotionale Erlebnisse. In manchen Elternhäusern
bieten sich dabei sicher neue Erfahrungen im Miteinander.
Ausflüge in die Natur ermöglichen sportliche Aktivitäten, aber auch die Beobachtung von
Tieren und Pflanzen
(s. u.). Was man nicht kennt, worüber man mehr wissen will, kann man
fotografieren und zu Hause in Lexika, in Sachbüchern oder im Internet recherchieren.
Insgesamt kann man sagen: Es geht nicht um ein Lernen um des Lernens willen, sondern um
sinnvolle Aktivitäten für die Kinder, bei denen sie immer auch etwas lernen können.

Auch das Schreiben von Briefen und Einkaufszetteln, die dann tatsächlich gebraucht werden, sind
schon für Erstklässler sinnvolle Herausforderungen. Wörter, die noch nicht so gut lesbar
sind, können von den Eltern dann auch in der "Erwachsenenschrift", also in korrekter Form
dazu geschrieben werden, um anderen das Lesen zu erleichtern.

Grundsätzlich muss bedacht sein, dass Eltern zu Hause nicht den Schulunterricht ersetzen
und simulieren sollten.
Sie haben andere Beziehungen als Lehrkräfte zu den Kindern und
sollten authentisch in ihrer Rolle bleiben. Ihre Rolle können sie aber bewusst nutzen, um
durch das gemeinsame Tun mit ihrem Kind über den gewählten Lerninhalt hinaus
emotionale und soziale Erfahrungen zu stärken.
Welchen Ablauf braucht das häusliche Lernen? Muss es dem Schulrhythmus angepasst
werden?

Für Kinder ist ein Rhythmus im Tagesablauf wichtig – auch zu Hause – und selbst an den
Wochenenden haben die meisten Familien einen vereinbarten Zeitrhythmus, also bestimmte
Zeiten des Aufstehens, für die Mahlzeiten, für eine Beschäftigung, auch für Freizeit oder
selbstbestimmte Zeit. Diese Strukturen gelten für die Familie. Der schulische Rhythmus,
geprägt durch Unterrichtszeiten, Pausen, Übungs- und Bewegungszeiten zusammen mit
anderen Kindern, gehört in die Schule und passt zu den schulischen Abläufen. Eine
Übertragung in den Familienalltag ist keinesfalls sinnvoll.
Beschäftigungs- und Lernsituationen unter Aufsicht der Eltern sind intensiver. Sie treffen
einmal das familiäre Beziehungsgefüge und beruhen in der Regel auf einer Eins-zu-Eins
Betreuung. Besonders zu Hause gilt (und hier besonders in der vorliegenden
Ausnahmesituation), dem Kind Raum und Zeit zu lassen, seine Selbständigkeit zu stützen und
die Belastbarkeit aller in dieser besonderen Lage zu beachten. Davon leiten sich die
Beschäftigungen und die Arbeitszeiten ab. Dafür lässt sich keine grundsätzliche Empfehlung
geben, denn die Spanne der Arbeitsdauer ist keine Altersfrage, sondern eine Frage der
individuellen Entwicklung und zuweilen auch der Stimmungslage des Kindes. Es soll schon
das Bewusstsein dafür bewahren, dass es jetzt nicht Ferien hat, sondern nur nicht in die
Schule gehen darf und deswegen eben daheim etwas „arbeiten“ muss.
Eine Kollision mit Wünschen der Kinder in der schulfreien Phase, mehr Zeit und Gelegenheit
für digitale Medien zu bekommen, ist wahrscheinlich vorprogrammiert. Regeln, die an
Wochenenden gelten, sollten überprüft werden und wenn wir von Rhythmus sprechen,
müssen darin auch Absprachen über Zeiten an digitalen Geräten vereinbart werden.
Vielleicht ermöglicht die Sondersituation den Eltern, mit ihrem Kind die eine oder andere
Medienzeit gemeinsam zu verbringen. Es gibt im Fernsehen und im Internet z. B.
interessante Filme für Kinder über Natur, Geografie und das Leben in anderen Ländern und
Gesellschaften, die die Weltsicht der Kinder erweitern können, wenn die Eltern mit ihnen
zusammen schauen und mit ihren Kindern über das Gesehene auch sprechen.
Die erzwungene Verlangsamung des Alltagslebens bietet an der Stelle eventuell auch
Chancen. Und, so lange Kind und/oder Familie nicht unter Quarantäne stehen, können die
Erfahrungsräume ein Stück in die Natur ausgeweitet werden, Spaziergänge im Wald,
Radfahren, Tiere beobachten … Dabei sammelt das Kind die authentischen Erfahrungen, die
besonders in städtischen Räumen kaum noch oder immer eingeschränkter von den Kindern
gemacht werden können.
Frankfurt am Main, 16. März 20